Berufsbildungswerk Leipzig gGmbH Förderschwerpunkt Hören, Sprache, Lernen Knautnaundorfer Straße 4 04249 Leipzig Deutschland Tel. (0341) 41 37-0

An die Grenze

Jedes Jahr besuchen Auszubildende und Begleiter die Konzentrationslager in Auschwitz und Birkenau. Die Exkursion nach Polen fordert die Beteiligten, bringt jedoch auch viel in Bewegung.

„Dies ist das Land, in dem man nicht versteht, dass ‚fremd‘ kein Wort für ‚feindlich‘ ist.“ Starke Zeilen der Toten Hosen, die in einem polnischen Städtchen aus den Boxen dröhnen. Umso stärker wirken sie, wenn klar wird, wo sich die Zuhörer gerade befinden: in einer Jugendbegegnungsstätte bei Auschwitz, wo der Song eine kurze abendliche Andacht eröffnet.

Es ist keine leichte Aufgabe, die Dimensionen des Holocaust zu vermitteln. Zwar werden die Auszubildenden im Vorfeld an die Zusammenhänge herangeführt, dennoch sind die Geschehnisse weit weg, ist Geschichtswissen nur schwach vorhanden. Und so bleibt der Zugang für viele abstrakt – bis zu dem Moment, an dem sie ein Lager betreten.

Ausschnitt aus Ausstellung „Reise in die Vergangenheit, Wege in die Zukunft“ 2016

Distanz und Nähe

Dort verwandelt sich das Abstrakte der Vergangenheit in eine Realität vor Ort. In eine Erkenntnis, wozu der Mensch fähig ist. „Die Exkursion ist jedes Jahr sehr emotional für alle Beteiligten“, weiß Ronny Valdorf als begleitender Theologe. „Denn so direkt mit menschlichem Leid auf der einen Seite und kühler Grausamkeit auf der anderen konfrontiert zu werden, ist eine Grenzerfahrung.“

Um die häufig verstörenden Eindrücke aufarbeiten zu können, begleitet auch Katrin Riedl neben anderen pädagogischen Mitarbeitern als Psychologin die Gruppe. Sie erlebt bei den Teilnehmern häufig einen Moment der Erkenntnis, der sie wie ein Schlag trifft. „Auch sie hätten damals zum Opfer werden können, weil sie eine Behinderung haben. Das zu verkraften und zugleich auch Dankbarkeit zu spüren, dass wir nicht mehr in dieser dunklen Zeit leben, ist ein einschneidendes Erlebnis.“

Angst und Ausgrenzung

Die Exkursion nach Polen unter dem Titel „Reise in die Vergangenheit, Wege in die Zukunft“ soll dafür sensibilisieren, welche Mechanismen von Fremdenhass und Ausgrenzung heute noch in der Gesellschaft greifen. „Einige Antworten kommen recht schnell. Pegida und seine Ableger sind immer noch aktuell. Die gewaltsamen Proteste mancher Menschen gegen Flüchtlingsheime haben die meisten über die Medien mitbekommen – aber auch, dass sich viele andere für die Flüchtlinge einsetzen“, erklärt der Theologe.

Ausstellungseröffnung „Reise in die Vergangenheit, Wege in die Zukunft“ 2016

Eindrücke ausdrücken

Die Erlebnisse werden jährlich in einer Ausstellung gezeigt. „Bisher hatten Mitarbeiter die Konzeption und den Aufbau der Ausstellung übernommen“, weiß Psychologin Katrin Riedl. „Dieses Jahr haben die Teilnehmer dabei aktiv mitgewirkt. Das zeigt, wie tief und nachhaltig sie die Exkursion beschäftigt hat.“